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Hochschulraum von morgen

Die österreichischen Universitäten machen sich schon heute Gedanken über das Morgen. In einem längerfristig angelegten Projekt ab 2020 beschäftigt sich die uniko mit den Herausforderungen, die künftig auf unsere Gesellschaft zukommen werden und mit der Frage, wie sich diese auf den Hochschulraum von morgen auswirken werden. 

Künftige gesellschaftliche Herausforderungen

Mit Blick auf die kommenden Dekaden werden fünf Bereiche herausgegriffen, deren Wandel sich besonders weitreichend auf die Gesellschaft von morgen auswirken wird. Auf Basis pointierter Zukunftsbilder von fünf wissenschaftlichen Experten und Expertinnen in den Bereichen Gesellschaft, Mobilität, Ökologie, Arbeit und Kommunikation hatten die wichtigsten Entscheidungsträger_innen und Interessenvertreter_innen im Hochschulbereich zwischen Juni und August 2020 Zeit, gemeinsam in die Zukunft zu denken. 

Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Beiträge in die Diskusson eingebracht haben! 

Die Ergebnisse der Konsultation werden in einer Publikation zusammengefasst, die hier Anfang 2021 veröffentlicht wird. So wird der Outcome für künftige Überlegungen aufbereitet und als Ressource nutzbar gemacht. Im weiteren Projektverlauf wird die uniko auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse weiterführende Fragen und Handlungsoptionen ausarbeiten. Als Rahmen für die Konsultation spannten fünf Expertinnen und Experten einen Diskussionsraum zu Zukunftsperspektiven für den Hochschulraum von morgen auf (für den Text bitte auf "weiterlesen" klicken):

Die neue Arbeitsgesellschaft 2050 (Heike Zirden)

„Work is the purposive production of useful objects or services“[1]  oder – philosophisch gefasst – „die spezifische Praxis des menschlichen Daseins in der Welt“[2]. Arbeit ist Dreh- und Angelpunkt für die Struktur und das Zusammenleben in Gemeinschaften und in der Gesellschaft, für die Ausbildung individueller und kollektiver Identitäten, für die Verteilung von Anerkennung, von gesellschaftlichem Status und von materiellen Gütern.

Als „zentraler zugleich materieller wie symbolischer Grund der sozialen Ordnung“[3] ist Arbeit umfassend normiert und zentraler Schauplatz von ökonomischen und ideologischen Auseinandersetzungen sowie gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen.

In der Vorausschau sind viele verschiedene Zukünfte von und für Arbeit denkbar. Während sich Einflussfaktoren wie technologischer Fortschritt, Klimawandel, Wertewandel und weitere Treiber und Megatrends und ihre wechselseitigen Wirkungen durch empirische Evidenzen beschreiben lassen, ist ihre tatsächliche Entwicklung in der Zukunft auch aktiv „gestaltbar“, das heißt, sie ist Ergebnis vieler Entscheidungen auf individueller, gesellschaftlicher und politischer Ebene, die genauso wenig vorhersehbar wie vorherbestimmt sind.

Was ist möglich, was plausibel, was wahrscheinlich?  Und: Was wäre wünschbar, was ist gestaltbar, von wem und wie? Die Denkfabrik digitale Arbeitsgesellschaft – eine Organisationseinheit des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales – hat sich zur Aufgabe gemacht, an diesen Fragen zu arbeiten. Die Entwicklung von Zukunftsszenarien braucht Zeit, weil sie eine intensive Analyse von Daten, das Erfassen von nicht sofort erkennbaren und schwer einzuschätzenden „deep dives“, umfassende Partizipation aller Stakeholder und der Zivilgesellschaft sowie eine mitunter anstrengende interdisziplinäre Zusammenarbeit voraussetzt. An mehreren solcher Projekte arbeitet die Denkfabrik derzeit im Rahmen einer strategischen Vorausschau, ohne dass bereits ausformulierte Ergebnisse vorliegen, die hier präsentiert werden könnten.

Aber die Zukunft gewinnt im Darüber-Reden Plastizität; deshalb beteiligt sich die Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft am Diskussionsprozess der Österreichischen Universitätenkonferenz mit plausiblen, tendenziell optimistischen Hypothesen zur Arbeitsgesellschaft 2050. Die hier geäußerten Thesen haben daher weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf „Wahrheit“ und sind nicht als sich gegenseitig ausschließende Alternativen gedacht. Sie beruhen auf aktuellen Entwicklungen, auf der Beobachtung von Daten und Diskursen und haben dennoch auch spekulativen Charakter im Sinne eines Denkens „auf Vorrat“. Ihre Ausformulierung wird – so viel sei gesagt – auch in der Denkfabrik durchaus kontrovers diskutiert.

These 1: Wir bleiben eine Arbeitsgesellschaft, aber definieren sie neu: Wir erweitern unser Verständnis von Arbeit zu einem ganzheitlicheren Konzept.

Die Gesellschaft definiert sich auch 2050 noch immer als Arbeitsgesellschaft: weder ist ihr wie in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder prognostiziert die Arbeit durch vollständige Automatisierung der Massenproduktion ausgegangen, noch hat sie sich in einem großen voluntaristischen Akt von Erwerbsarbeit „befreit“. Stattdessen hat sie ihren Begriff von Arbeit und Wertschöpfung sukzessive erweitert, nicht nur durch die bereits heute erkennbare semantische Subsummierung von Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit[4] unter den Begriff „Arbeit“, sondern auch durch eine gesellschaftliche wie sozialstaatliche Anerkennung von unbezahlter Arbeit, die im Interesse der Allgemeinheit liegt: von Erziehung und Pflege über künstlerische, gemeinwohlorientierte und politische Tätigkeiten bis hin zu Weiterbildung.

Die Wiedergewinnung eines ganzheitlichen Arbeitsbegriffs vollzieht sich durch die Wahrnehmung von Gestaltungsfreiheit, die von Krise zu Krise neu überdachte, ebenso komplexe wie mühsame demokratische Fortschrittsbewegungen ermöglicht. So bestimmten in den ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts neben den langfristigen Veränderungen durch Globalisierung und Digitalisierung sowie die gesellschaftliche Neujustierung der Geschlechterverhältnisse auch die Finanz-, Wirtschafts-, Migrations- und Pandemie-Krisen die Reform-Agenden. Themen wie Automatisierung oder wachsende Ansprüche an Arbeit (New Work) sprechen in der ein oder anderen Weise für eine langfristige Verringerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit und deren individuelle, flexible Nutzung,[5] als vorläufige Antwort des 21. Jahrhunderts auf die bereits für Marx zentrale Frage der sozialen „Teilung der Arbeit“[6].

Im Ergebnis wird das Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit ebenso wie das zwischen Beruf und Privatleben stärker an die individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse angepasst und in eine breit akzeptierte Balance gebracht, wobei das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit auf die unbezahlte Arbeit ausgedehnt und diese systematisch durch Erwerbsarbeit mitfinanziert und abgesichert wird.

Allerdings wird die weitere Regulierung der Erwerbsarbeit diese auch zu einem noch stärker umkämpften Konfliktfeld für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse werden lassen.

These 2: Automatisierbare Tätigkeiten fallen mit hoher Wahrscheinlichkeit weg; soziale und kreative Intelligenz lassen sich hingegen nicht automatisieren.

Die Berufseinsteiger*innen von 2050 finden ein völlig anderes berufliches Angebot vor, als wir es heute kennen: Viele Tätigkeiten, mit denen Menschen heute ihr Geld verdienen, können Maschinen und Roboter schon bald besser und produktiver erledigen. Es werden nicht mehr nur körperliche und Routineaufgaben ersetzt, sondern zunehmend auch kognitive Tätigkeiten, die bisher von gut ausgebildeten Wissensarbeiter*innen geleistet wurden. Zugleich können Roboter auch komplexere körperliche Tätigkeiten, die ein hohes Maß an sensorischer und feinmotorischer Koordination voraussetzen, wie zum Beispiel Greifen „trainieren“. Doch die medial geführte Debatte um das Ende der Arbeit im 21. Jahrhundert, in der die Studie „The Future of Employment“ von Frey / Osborne (2013)[7] nur verkürzt aufgenommen wurde und so der Wegfall fast der Hälfte aller Berufe wissenschaftlich fundiert schien, erweist sich als zu undifferenziert. Eine Studie im Auftrag des BMAS[8], betont daher den Unterschied zwischen einzelnen, automatisierbaren Tätigkeiten und ganzen Berufen. Außerdem zählt nicht allein die Automatisierungsmöglichkeit, sondern die tatsächliche Umsetzung, die von unterschiedlichen Voraussetzungen abhängt, etwa davon, dass der Einsatz der Maschinen wirtschaftlich ist und dass sie gesellschaftliche Akzeptanz finden.  

Nicht nur Automatisierung, sondern auch die absehbare Veränderung der Bevölkerungsstruktur durch den demografischen Wandel führen zu einem „Epochenwechsel“[9] in Deutschland und Europa. Im Ergebnis wird „der Zuwanderung ein viel höheres Gewicht zukommen, als früher“. Berücksichtigt man wesentliche Trends und Anpassungen in der Wirtschaft, lässt sich für Deutschland daher prognostizieren, dass  bis zum Jahr 2035 fast 3,3 Millionen Arbeitsplätze neu entstehen, aber gleichzeitig in anderen Branchen rund 4 Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden.[10] Wo gänzlich neue Arbeitsplätze und neue Berufsfelder entstehen, ist entscheidend auch davon abhängig, welche Prioritäten Politik und Gesellschaft in Zukunft setzen. Wo entstehen Innovationen? In welche Bereiche fließen öffentliche Forschungsgelder? An welche Voraussetzungen wird die Förderung von öffentlicher und privater Forschung geknüpft? In welchem ethischen und rechtlichen Rahmen darf sie sich bewegen? Worauf werden Investitionen, Wirtschaftsförderung und Konjunkturprogramme ausgerichtet? Einige Felder, die bis 2050 bedeutsam werden, zeichnen sich bereits ab. So markiert der von der EU Kommission angestrebte Green New Deal, der darauf abzielt, bis 2050 in der Europäischen Union die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und somit als erster Kontinent klimaneutral zu werden, einen zentralen Schwerpunkt europäischer Forschungs- und Wirtschaftspolitik; ebenso die geplanten KI- und Datenstrategien, die den EU-Binnenmarkt nach außen absichern und Europas Wettbewerbsfähigkeit zwischen Asien und den USA steigern sollen.

These 3: Nicht nur die Technologie, sondern auch die Bildung wird Quantensprünge machen und sich auf schnell wandelnde Anforderungen in der Arbeitswelt einstellen.

Die Systeme der Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung werden sich vor dem Hintergrund eines weiterhin dynamischen technologischen Fortschritts und einer von Agilität und horizontal vernetzten Arbeitswelt bis 2050 völlig neu organisieren.

Einerseits führt die Digitalisierung in den kommenden Jahren zu einem größeren Bedarf an Hochschulabsolvent*innen[11] und neuen Kompetenzen infolge grundlegender Veränderungen von Berufen[12]. Andererseits führt die Erfahrung, dass fachspezifisches Wissen ebenso wie Erfahrungswissen im Laufe des Berufslebens durch eine im Wirtschaftssystem strukturell angelegte Neigung zu Umbrüchen und Wandel z.B. durch neue digitale Anwendungen, immer wieder relativiert und entwertet werden können, zu Verunsicherung und zu veränderten Einstellungen gegenüber Wissen und Lernen.

In den kommenden Jahrzehnten werden alle europäischen Länder große Aufmerksamkeit auf ihre Erziehungs-, Wissenschafts- und (Weiter-) Bildungssysteme und auf die Förderung der Motivation zu Lernen richten. Im Jahr 2050 haben diese Anstrengungen zu einem Kulturwandel geführt: Bildung ist nicht mehr vorrangig auf die ersten zwei bis drei Dekaden des Lebens konzentriert, sondern ist ein dauerhafter und selbstverständlicher Teil des Erwerbslebens geworden. Da viele spezifisch menschliche Kompetenzen, die in einer weitgehend automatisierten, posthumanen Arbeitswelt gefordert sind - Offenheit, Neugier, Lernbereitschaft, Empathie, Kreativität - in der Kindheit entwickelt werden, fließen in die frühkindliche Erziehung besonders viele gesellschaftliche Ressourcen. Bildungs- und Wissenseinrichtungen sind über das gesamte Erwerbsleben hinweg kostenfrei zugänglich; ihre Bildungsangebote sind europaweit digital für alle Erwerbstätigen über das Internet verfügbar. Zugleich wird der Bedeutung des persönlichen Austauschs für den Lernerfolg unabhängig vom Alter Rechnung getragen. Erwerbstätige haben Anspruch auf persönliche Beratung und Zugang zu sich selbst organisierenden Lerngruppen, die sich unabhängig von der jeweiligen Bildungseinrichtung regional zusammenfinden. Neben privatwirtschaftlichen Lernspaces machen universitäre, aber auch öffentliche Bibliotheken entsprechende Angebote.

These 4: Wir organisieren Arbeit anders: Mobile Arbeit und stärkere Vernetzung führen zu einer Lockerung der Bindung an einen Arbeitsort.

Die Corona-Pandemie als disruptiv wirkendes Ereignis hat deutlich gemacht, dass die bisherige Praxis der „Telearbeit“ und des „Homeoffice“ noch längst nicht alle Potenziale ausgeschöpft hat und in Zukunft von einer deutlichen Zunahme auszugehen ist. In 2050 ist eine Erwerbstätigkeit nicht mehr selbstverständlich an einen Arbeits“platz“ gebunden. Besonders für Unternehmen, die einen hohen Bedarf an spezialisierten Fachkräften haben, erschließt sich durch eine weitgehende Aufhebung der Präsenzarbeit die Möglichkeit, weit über den regionalen Arbeitsmarkt hinaus Erwerbstätige für das eigene Unternehmen zu rekrutieren. Besonders gesicherte, gemeinsame Arbeitsplattformen und dauerhaft zur Verfügung stehende virtuelle Besprechungsräume im Internet werden zentral für die Zusammenarbeit, die Kommunikation, die Bearbeitung von Dokumenten und die Organisation von Arbeitsabläufen. Ein solches Umdenken wird sich in vielen Bereichen fortsetzen. So schrumpfen bis 2050 die Büroflächen von Unternehmen auf das Notwendigste; stattdessen werden Funktionen, die der Kommunikation und dem „Well-being“ dienen und die bisher auf Nebenflächen untergebracht waren (Besprechungsräume, Teeküchen, Sitzecken) zu zentralen Bestandteilen von Unternehmenszentralen.

Die Arbeitswelt während der Corona-Pandemie hat über die Erfahrungen mit Homeoffice hinaus aber auch ein Schlaglicht auf bestehende Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt geworfen. Insbesondere untere Einkommensgruppen waren durch ihre Arbeit vor Ort einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt, während sie zugleich früher von den wirtschaftlichen Folgen betroffen waren: Freistellung, Kurzarbeit und Jobverlust betrafen neben Beschäftigten im Gastgewerbe sowie im Bereich von Kunst und Kultur vor allem Menschen mit geringem Einkommen.[13]

Die Differenz zwischen jenen Berufen, die körperliche Präsenz an einem „Arbeitsplatz“, ggf. sogar zu regelmäßigen, festgelegten Zeiten zwingend erfordern und jenen, die überwiegend selbstbestimmt zeitlich und räumlich in das private Leben eingebettet werden können, wird auch 2050 ein zentrales Merkmal von Ungleichheit sein und durch unterschiedliche Maßnahmen kompensiert.

These 5: Die Humanisierung und Demokratisierung der posthumanen Arbeitswelt bleiben Herausforderungen und bilden ein zentrales gesellschaftliches Konfliktfeld

Die unmittelbare Arbeit mit digitalen Anwendungen, mit Robotern, Wearables, Künstlicher Intelligenz und automatisierten Entscheidungssystemen, in augmented und virtual reality sowie mit Quantencomputern fordert Menschen kognitiv und psychisch in einer heute noch unbekannten Weise. Auch eine „Cyborgisierung“ der Arbeitswelt bis hin zur Einführung von Brain Computer Interfaces sind zumindest technisch denkbar[14]. Neben der Gestaltung der Mensch-Technik-Interaktion ergeben sich daraus neue Regulierungsbedarfe, etwa bei der Frage, wie invasiv Technik im Arbeitsverhältnis werden darf und was mit den dabei entstehenden Daten geschehen soll. Wie wird sichergestellt, dass Beschäftigte nicht zum bloßen Werkzeug von Maschinen werden und dass sie in die Konfiguration oder Implementierung der Maschinen, mit denen sie interagieren und arbeiten sollen, einbezogen werden? Wie können Souveränität und Selbstbestimmung der Erwerbstätigen und auch von Individuen außerhalb der Arbeit jederzeit gewahrt bleiben? Wie lässt sich durch demokratische Mitwirkung und Mitbestimmung der „menschenzentrierte“ Einsatz von Technologien sicherstellen? Und was überhaupt bedeutet „menschenzentriert“ in einer posthumanen Arbeitswelt?

Unabhängig von und ergänzend zu der verbindlichen Regulierung dieser Fragen gehören zur üblichen betrieblichen Gesundheitsvorsorge schon weit vor 2050 nicht nur Angebote zum körperlichen Ausgleich, sondern auch zur Entwicklung von Selbsttechniken, die dazu beitragen, psychisch gesund zu bleiben. Hinzu kommen Zusatz-Qualifikationen mit anerkannten Zertifikaten für Verantwortungsträger und Führungskräfte in Unternehmen und Institutionen, die Personalverantwortung tragen. Ziel ist eine nachhaltige Reflexion der eigenen Rolle und eine Schulung im Umgang mit asymmetrischen Macht- und Hierarchieverhältnissen in Unternehmen. Überhaupt werden menschenzentrierte Forschungsbereiche - z.B. medizinische, psychologische, neurologische, philosophische, arbeits- und kultursoziologische Untersuchungen - für informierte Debatten und die konkrete politische Gestaltung künftig noch mehr gebraucht.

These 6: Die Ökonomie hat ihren „Purpose” neu justiert, aber die zukünftige Form des Kapitalismus bleibt offen

Von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung von Arbeitsmarkt und Arbeitswelt ist die Frage, ob und wie bis 2050 das Dilemma gelöst werden kann, das Dörre mit Bezug auf Jackson als „ökonomisch-ökologische Zangenkrise“ beschrieben hat[15]: Einerseits sei Wirtschaftswachstum das wichtigste Mittel zur Überwindung ökonomischer Krisen, andererseits erweise sich das quantitative Wachstumsparadigma im Hinblick auf die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen als zunehmend „destruktiv und deshalb gesellschaftszerstörend“[16]. Daraus ergebe sich für die „alten kapitalistischen Zentren“ eine grundlegende „Richtungsentscheidung“: entweder „das Wirtschaftswachstum ökologisch und sozial und nachhaltig zu gestalten“ oder „Stabilität ohne rasches Wachstum zu gewährleisten“[17]. Welcher Weg nach jahrzehntelanger Diskussion unter dem Stichwort „Postwachstumsgesellschaft“ zumindest unter sehr vielen Expert*innen mehrheitsfähig zu sein scheint, zeigt das am 15. Mai diesen Jahres parallel in rund 30 Medien weltweit erschienene Manifest „Arbeit – demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten“[18], das von 3.000 Wissenschaftler*innen überwiegend aus Europa und den USA, aber auch von mehr als 600 Universitäten aus der ganzen Welt unterzeichnet wurde. Arbeit, das zeige nicht zuletzt die Corona-Krise, sei demnach keine Ware: „Menschen sind nicht eine Ressource unter vielen.“[19] Auch wenn aus diesem Appell keine unmittelbare „Befreiung“ folgen wird, schon gar kein weltweiter, ist er aufgrund seines supranationalen Charakters bemerkenswert und zeigt, dass es möglich ist, die Themen Arbeit und Nachhaltigkeit, die im Diskurs häufig gegeneinander gestellt werden, zusammen zu bringen und im globalen Maßstab gemeinschaftlich zu thematisieren.

Was passiert bis 2050? Zwar werden Technogien wie künstliche Intelligenz und technologiebasierte Wirtschaftseinheiten wie Plattformen wohl unverzichtbar sein. Doch der Kapitalismus kann sich als wandlungsfähig erweisen: “Seine Evolution kennzeichnet zwar das Aufeinandertreffen grundlegender Prinzipien – Privateigentum, Profitstreben und Wachstum – das jedoch in jeder Epoche durch neue Formen, Normen und Praktiken.“[20] Und auch neue „Eigentumsformen“ wie wie die Beteiligung von Beschäftigten an Unternehmen im Sinne der Mitarbeiterkapitalbeteiligung oder in genossenschaftlichen Organisationsformen könnten etwas stärkere Relevanz entwickeln.

These 7: Das Label „Made in Europe“ ist weltweit zu einem Gütesiegel für digitale Produkte und Dienstleistungen, aber auch für Bildung, Arbeitsqualität und Arbeitsbedingungen geworden

Im globalen Wettbewerb um technologische Vorreiterschaft etwa im Bereich Künstlicher Intelligenz und Quantencomputing, aber auch im Bereich grüner Technologie ist 2050 das wertebasierte europäische Innovationsparadigma zu einem Vorbild geworden. Durch massive Forschungs- und Wirtschaftsförderung, aber auch die Schaffung und Durchsetzung von Standards für den europäischen Binnenmarkt in Bereichen wie Produktsicherheit, Datenrecht und Datenschutz, aber auch dem nachhaltigen Umgang mit natürlichen und menschlichen Ressourcen sowie bei der Regulierung von plattformbasierten Geschäftsmodellen, hat Europa seinen Einfluss ausgebaut. Das hat Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Die Bedingungen der Mensch-Maschine-Interaktion, der Daten- und Gesundheitsschutz, sowie die Regeln für plattformvermittelte oder plattformbasierte Arbeit sind europaweit einheitlich geregelt. Unter dem weltweiten Wettbewerbsdruck haben sich neben europäischen Forschungseinrichtungen auch Bildungseinrichtungen im Sinne enger zusammengeschlossen, um sich bei der Verwirklichung des gemeinsam entwickelten Bildungsideals gegenseitig zu inspirieren und zu unterstützen. Aufgrund von üblichen Echtzeitübersetzungen in allen Medien auf der Grundlage von künstlicher Intelligenz sind die Sprachbarrieren in Europa gefallen. Es ist eine europäische Öffentlichkeit entstanden, mit europäischen Fernsehsendern, Publikationen und Netzwerken. Parteien, Gewerkschaften und Verbände sind in erster Linie europäisch organisiert. Auch Sozialpartnerschaft wird europäisch gelebt und hat zu einer weiteren Annäherung des Arbeits- und Lebensstandards in Europa geführt.

* Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines längeren Textes. Auf Wunsch kann die Langfassung zur Verfügung gestellt werden.

Heike Zirden ist Leiterin der Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft des deutschen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, einer interdisziplinären Organisationseinheit zwischen Think Tank und Future Lab mit dem Ziel, Zukunftstrends frühzeitig zu erkennen und Lösungsansätze für die Arbeitsgesellschaft zu entwickeln. Zuvor war sie als kommissarische Leiterin der Abteilung Zukunft der Arbeit im BMAS tätig. Sie ist Autorin und Herausgeberin von Schriften zu historischen gesellschaftlichen Dynamiken und philosophischer Anthropologie sowie gesellschaftlichen Utopien. In ihrer Arbeit berücksichtigt sie breite gesellschaftliche Trends sowie sich wandelnde gesellschaftliche, rechtliche, politische und technische Rahmenbedingungen in ihrer Auswirkung auf die Zukunft der Arbeit.

[1]     Vgl. van der Linden M.: Studying Attitudes to Work Worldwide, 1500 -1650: Concepts, Sources, and Problems of Interpretation. In: Hofmeester K. & Moll-Murata C. (Hrsg): The Joy and Pain of Work. Gobal Attitues and Valuations 1500 – 1650. Cambridge 2011, S. 25-43. Zit. n. Leonhard & Steinmetz, 11.

[2]     Vgl. Marcuse H.: Über die philosophischen Grundlagen des wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitsbegriffs. Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik Bd. 69 S. 257ff. 1933. Zit. n. Zit. n. Leonhard J. & Steinmetz W. (Hrsg.): Semantiken von Arbeit: Diachrone und vergleichende Perspektiven. Köln Weimar Wien 2016, 29 f.

[3]     Hirsch, Michael: Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft: Eine politische Philosophie der Arbeit. Wiesbaden 2016, 49

[4]     Beispiele sind Begriffe wie Familienarbeit, Freiwilligenarbeit, Care-Arbeit, aber auch relationale Begriffe im persönlichen Bereich wie Beziehungsarbeit oder Trauerarbeit. Vgl. Leonhard J. & Steinmetz W. (Hrsg.): Semantiken von Arbeit: Diachrone und vergleichende Perspektiven. Köln Weimar Wien 2016., 31.

[5]     Vgl. Liebig S.: Arbeitszeitverkürzung für eine nachhaltige Wirtschaft? Über mögliche Berührungspunkte zwischen sozial-ökologischen Arbeitszeitkonzepten und gegenwärtiger Tarifpolitik. In: Dörre K., Rosa H., Becker K., Bose S. & Seyd B. (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. Wiesbaden 2019, S. 211-228, 223f.

[6]     Vgl. Hirsch, Michael: Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft: Eine politische Philosophie der Arbeit. Wiesbaden 2016, 50, mit Bezug auf Marx.

[7]     Frey, C.B. & Osborne, M.A.: The Future of employment: How Susceptible are Jobs to Computerization? Oxford Martin School (OMS) working paper, University of Oxford, Oxford, 1913.

[8]     Bonin H., Gregory T. & Zierahn U.: Übertragung der Studie von Frey/Osborne (2013) auf Deutschland. Mannheim 2015.

[9]     Kocka J.: Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit. Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit. Berlin 2016, 32.

[10]   vgl. Zika G., Schneemann C., Kalinowski M., Maier T., Winnige S., Grossmann A., Mönnig A., Parton F. & Wolter M.: IAB-BIBB-GWS-Kurzfassung BMAS-Prognose „Digitalisierte Arbeitswelt“. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Berlin 2019.

[11]   Vgl. Vogler-Ludwig L., Düll N., Kriechel B.: Arbeitsmarkt 2030. Wirtschaft und Arbeitsmarkt im digitalen Zeitalter. Prognose 2016. Kurzfassung. München 2016. S. 14ff.

[12]   vgl. hierzu Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesministerium für Bildung und Forschung: „Wissen teilen, Zukunft gestalten, Zusammen wachsen. Nationale Weiterbildungsstrategie. Berlin 2019.

[13]   Möhring K., Naumann E., Reifenscheid M., Blom A.G., Wenz A., Rettig T., Lehrer R., Krieger U., Juhl S., Friedel S., Fikel M. & Cornesse C. Die Mannheimer Corona-Studie: Schwerpunktbericht zur Erwerbstätigkeit in Deutschland 20.3. – 15.4.2020. Mannheim 2020.

[14]    Schmid J.R.: Die Kraft der Gedanken. Eine explorative Studie zum Einsatz von Gehirn-Computer-Schnittstellen bei gesunden Nutzern. Diss. München 2019.

[15]    Dörre K., Rosa H., Becker K., Bose S. & Seyd B. (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. Wiesbaden 2019, 4.

[16]   ebd.

[17]    ebd.

[18]    Die Zeit 15. Mai 2020, „Die Zukunft der Arbeit nach Corona“, online abrufbar unter: www.zeit.de/kultur/2020-05/wirtschaften-nach-der-pandemie-demokratie-dekommodifizierung-nachhaltigkeit-manifest

[19]   ebd.

[20]   Vgl. Baumann Liquid Modernity 2000, zitiert nach Zuboff S.: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Frankfurt New York 2018, 594.